„Schleichende Vergiftung“ von Insekten: Forscher*innen fanden 94 Pestizidrückstände in Deutschen Naturschutzgebieten

München, 11.03.2021

Neue Untersuchungen von WECF und Buijs Agro-Services zeigen, dass viele verschiedene Pestizide und deren Abbauprodukte im Boden und in der Vegetation von deutschen Naturschutzgebieten vorhanden sind. Es ist anzunehmen, dass diese Rückstände erheblich zum Rückgang der Insektenpopulation beitragen. WECF e.V. und Buijs Agro-Services fordern einen sofortigen Einsatzstop von den in Naturschutzgebieten gefundenen Pestiziden.

Pestizide verbreiten sich ungehemmt auch in Gebieten, in denen eigentlich keine Pestizide angewendet werden. Dies belegt die bislang umfassendste Studie zur Pestizidbelastung von Vegetation und Boden in 15 Naturschutzgebieten, drei3 Pufferzonen und fünf5 Referenzgebieten, die mehr als zwei Kilometer von Ackerbaufeldern entfernt liegen. In den untersuchten Proben wurden insgesamt Rückstände von 94 verschiedenen Pestiziden gefunden, von denen ein Drittel in Deutschland nicht zugelassen ist. Die untersuchten Standorte gehören teilweise zu den Naturschutzgebieten, in denen Insektenforscher*innen aus Krefeld im Jahr 2017 einen Rückgang der Insektenbiomasse von Fluginsekten um etwa 76 % feststellten. Die Forschung zu den Pestizidrückständen wurde in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz durchgeführt.

„Es hat uns als Wissenschaftler*innen erstaunt wie viele verschiedene Pestizide wir in gesetzlich geschützten Naturschutzgebieten gefunden haben.“, sagt Jelmer Buijs, Agrarconsultant bei Buijs Agro-Services. „Wenn diese schleichende Vergiftung stattfinden kann ohne gesetzliche Konsequenzen, wird Naturschutz zu einem leeren Begriff. Die Natur kann sich gegen diese Vergiftung nicht verteidigen. Müll dürfen wir in Naturschutzgebieten gesetzlich nicht abladen, aber was hier geschieht ist viel schlimmer.“

Von den insgesamt 94 gefundenen Pestiziden stammen 4 Stoffe sehr wahrscheinlich nicht aus der Landwirtschaft, sondern aus Industrie, Haushalten und von Auspuffgasen. Schockierend ist: Ein Drittel der gefundenen Stoffe haben in Deutschland keine Zulassung, sondern stammen vermutlich aus historischer, interkontinentaler oder gar illegaler Anwendung. Dies zeigt uns, dass Pestizide eine Wirkung weit über Landesgrenzen hinaus haben und länger in unserer Umwelt überleben als bisher angenommen. Außerdem ist insgesamt die Hälfte der gefundenen Pestizide als krebserregend oder vermutlich krebserregend klassifiziert, und/oder erwiesenermaßen oder vermutlich genotoxisch. Insgesamt wurden 22 Insektizide gefunden. Dies verstärkt den begründeten Verdacht auf einen signifikanten Einfluss des Einsatzes von Pestiziden als eine der Hauptursachen für den schleichenden Rückgang der Insekten.

„Die Ergebnisse dieser Studie sind schockierend und alarmierend. Angesichts der weiten Verbreitung der Pestizide über die Luft, der extremen Toxizität vieler gefundener Pestizide und des Mangels an Informationen über Risiken für die Biodiversität, ist es unverantwortlich, dass diese Stoffe als Pflanzenschutzmittel oder Biozid eine Zulassung auf dem Markt erhalten haben. Das Zulassungsverfahren für Pestizidwirkstoffe muss unbedingt überarbeitet werden.“, fordert Margriet Mantingh von WECF.

Am 15. März veranstalten die Herausgeber*innen ein online Seminar, um die Ergebnisse der Studie allen Interessierten vorzustellen. Anmeldung unter: veranstaltung@wecf.org

Pressekontakt

  • Margriet Mantingh | margriet.mantingh@wecf.org
  • Jelmer Buijs | jelmerbuijs@gmail.com

 

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