Feministische Analyse der COP27

In den frühen Morgenstunden am Sonntag erzielten die Regierungen in Sharm-El-Sheikh nach zwei Wochen angespannter Verhandlungen auf der COP27 endlich eine Einigung.

Feministische Organisationen haben sich für die Priorisierung von Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechten im Beschlusstext eingesetzt. Darunter auch WECF und andere Mitglieder der Woman and Gender Constituency (WGC). Die Priorisierung dieser Themen ist vor allem in Hinblick auf die ansteigenden Menschenrechtsverletzungen und den Landraub an indigenen Völkern und kleinen Landwirt*innen überall auf der Welt wichtig. Geschlechterspezifische Gewalt eskaliert besonders im Kontext der Klimakrise, Umweltzerstörung und damit verbundenen Vertreibungen, so ein aktueller Bericht der UN-Sonderberichterstattung über Gewalt gegen Frauen* und Mädchen*. „Wir müssen mit klaren Forderungen und mehreren erfolgreichen „Gender Just Climate Solutions“ zur COP27 kommen. Somit können wir beweisen, dass Klimagerechtigkeit möglich ist. Zudem können wir Parteien ermutigen echten, inklusiven Klimaschutz zu unterstützen, anstatt falsche Lösungen zu fördern.“, sagt Anne Barre von WECF.

Heute können wir einen wichtigen Schritt nach vorne feiern.

Das wichtigste Ergebnis der COP27 ist die Einrichtung eines Fonds für Loss and Damage. „Kleine Inselstaaten und andere vom Klimawandel gefährdete Länder haben am wenigsten zu dieser Klimakrise beigetragen. Diese hat dramatische wirtschaftliche und nichtwirtschaftliche Verluste verursacht“, sagt Sascha Gabizon von WECF. „Deshalb haben zivilgesellschaftliche Bewegungen wiederholt die Einrichtung eines Fonds für Reparationszahlungen gefordert. Heute können wir einen wichtigen Schritt nach vorne feiern. Trotzdem werden wir weiterhin wachsam bleiben, was die tatsächlichen Finanzströme des Fonds und die Zugangsmodalitäten betrifft. Sie müssen auf die Bedürfnisse der von Katastrophen betroffenen Menschen zugeschnitten sein“.

Ein weiterer Schritt nach vorn ist die Inbetriebnahme des Santiago Network on Loss and Damage. Dieses Netzwerk wurde eingerichtet, um Entwicklungsländer mit technischer Hilfe, Wissen und Ressourcen zu unterstützen. Es wird ein neuer Beirat eingerichtet, in dem die Wahlkreise Frauen* und Gender, indigene Völker und Jugend vertreten sein werden.

„Obwohl es längst überfällig ist, haben in Sharm-El-Sheikh nur eine Handvoll Länder ihre überarbeiteten nationalen Pläne (NDCs) vorgelegt. Im Gegensatz dazu überschwemmten mehr als 600 Lobbyisten*innen für fossile Brennstoffe und Atomenergie das COP-Gelände und verkauften ihre falschen Klimalösungen.“

„Äußerst besorgniserregend ist der geringe politische Wille für Fortschritte im Klimaschutz. Auf der COP27 wurden keine Fortschritte bei der Verpflichtung zum Ausstieg aus fossilen Brennstoffen erzielt. Währenddessen weist die Wissenschaft uns immer wieder darauf hin, dass die CO2-Emissionen weltweit weiter ansteigen“, sagt Sanne Van de Voort von WECF. „Obwohl es längst überfällig ist, haben in Sharm-El-Sheikh nur eine Handvoll Länder ihre überarbeiteten nationalen Pläne (NDCs) vorgelegt. Im Gegensatz dazu überschwemmten mehr als 600 Lobbyisten*innen für fossile Brennstoffe und Atomenergie das COP-Gelände und verkauften ihre falschen Klimalösungen“. Laut SPIEGEL ist die COP zu einem Marktplatz geworden, auf dem 20 große Öl- und Gasgeschäfte von Klimakillern wie Shell und Equinor unterzeichnet wurden.

„In Bezug auf die Geschlechtergerechtigkeit befinden wir uns auf einem Abwärtspfad.“

Gina Cortés Valderrama, WECF und Co-Fokuspunkt der WGC, sagt: „Dennoch sind wir jeden Tag gemeinsam stark geblieben und haben gegen die fehlenden finanziellen Verpflichtungen der Verursacherländer des Globalen Nordens demonstriert. Wir wollen ihrer historischen Verantwortung gerecht werden. Wir demonstrierten gegen die kolonialen Diskurse über importierte Entwicklungsmodelle und riskante technische Lösungen wie die Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS) und den „Netto-Null“-Ausgleich auf indigenem Land„. Cortés fügt hinzu: „Aus diesem Grund haben sich die Bewegungen der Zivilgesellschaft zusammengeschlossen, um Klimagerechtigkeit zu fordern. Sie haben die COP27 Peoples‘ Declaration im People’s Plenary“ unterstützt.

In Bezug auf die Geschlechtergerechtigkeit befinden wir uns auf einem Abwärtspfad„, sagt Sascha Gabizon. „Der Text zur Überprüfung des Gender-Aktionsplans des Pariser Abkommens wurde erst in den letzten Stunden der Verhandlungen vereinbart. Trotzdem macht er keine bedeutenden Schritte nach vorne. Er enthält keine substanziellen Vorschläge zur Bewältigung der geschlechtsspezifischen Auswirkungen der Covid-Pandemie – was in mehreren UN-Berichten bestätigt wurde -, des Krieges in der Ukraine, des daraus resultierenden Anstiegs der Lebensmittelpreise und des weltweiten Abbaus von Frauen*rechten.“

„Wir haben gemeinsam daran gearbeitet, einen sicheren und inklusiven Raum für alle zu schaffen. Dennoch hörten wir zahlreiche Stimmen von Frauen*, die während ihrer Teilnahme an der COP mit Diskriminierung, Belästigung, Überwachung und Einschüchterung konfrontiert waren. Angefangen vom Bewerbungsverfahren bis hin zu ihrer Abreise“, so Cortés Valderrama. „Das ist wirklich schädlich für den Aufbau von Vertrauen und die Gewährleistung einer sinnvollen Beteiligung der Zivilgesellschaft.“

„Der Ausweg aus der Klimakrise und den sich überschneidenden Ungerechtigkeiten liegt in der Beseitigung kolonialer Modelle und Strukturen in allen Lebensbereichen.“

Die Women and Gender Constituency hat den afrikanischen Feminist*innen auf der COP27 Gehör verschafft und ihre Macht zur Forderung nach Klimagerechtigkeit bekräftigt. Hier die Forderungen der afrikanischen Frauen* und Mädchen*. Sie betonen insbesondere die Notwendigkeit einer stärkeren Einbeziehung von Frauen* und jungen Menschen in Entscheidungsprozesse, einen gerechten und ausgewogenen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen für alle, die Bereitstellung angemessener, zugänglicher und auf die Menschenrechte ausgerichteter Finanzmittel, Landrechte sowie gemeindeeigene und von Frauen* geführte technische Lösungen.

Gina Cortés Valderrama fügt hinzu: „Der Ausweg aus der Klimakrise und den sich überschneidenden Ungerechtigkeiten liegt in der Beseitigung kolonialer Modelle und Strukturen in allen Lebensbereichen. Kein noch so ehrgeiziges Ziel kann Klimagerechtigkeit erreichen, wenn die strukturellen Ketten der Unterdrückung und Diskriminierung nicht durchbrochen werden. Die jüngste WECF-Publikation zeigt auf, wie geschlechtergerechte Klimalösungen aus dem globalen Süden, nachhaltige und autonome Modelle sicherstellen können. Diese transformativen Wege können die Macht neu verteilen. So können sie es uns ermöglichen, die 1,5 am Leben zu erhalten“.