Weltsozialgipfel in Doha – Kleine Schritte Richtung Geschlechtergerechtigkeit

Vom 4. bis 6. November trafen sich Regierungen, internationale Organisationen, Wissenschaft und Zivilgesellschaft in Doha zum zweiten UN-Weltsozialgipfel. Dreißig Jahre nach dem ersten Treffen in Kopenhagen stand erneut die Frage im Mittelpunkt, wie soziale Entwicklung weltweit gerechter gestaltet werden kann. Die verabschiedete „Doha Political Declaration“ bekräftigt das gemeinsame Ziel, Armut zu reduzieren, soziale Sicherung auszubauen und menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu fördern – und nimmt dabei stärker als bisher die Bedeutung von Geschlechtergerechtigkeit in den Blick.

Gabriele Köhler, WECF Vorstandsmitglied und UNRISD senior research associate, war live dabei und berichtet von ihren Eindrücken der Debatte aus Doha.

Doha-Erklärung: Fortschritte in Richtung Geschlechtergerechtigkeit

Im Mittelpunkt stand die „Doha Political Declaration“, eine politisch bedeutsame, aber nicht rechtsverbindliche Resolution. Sie bekräftigt das globale Ziel, Armut zu überwinden, menschenwürdige Arbeitsbedingungen zu schaffen und sozialen Zusammenhalt zu stärken. Besonders hervorgehoben wird die Bedeutung umfassender sozialer Sicherungssysteme und der Abbau informeller, prekärer Beschäftigung. Zum ersten Mal wurde Sorge- und Pflegearbeit explizit angesprochen. Die Anerkennung der Care-Ökonomie gilt als wichtiger Schritt, denn sie betrifft weltweit überwiegend Frauen und bildet die Grundlage sozialer Teilhabe und wirtschaftlicher Entwicklung. Dennoch bleibt die Perspektive begrenzt: Die Erklärung bewertet Sorgearbeit primär als Faktor wirtschaftlicher Produktivität – nicht als eigenständiges Recht auf faire Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Anerkennung.

Kritikpunkte: Fehlende Verbindlichkeit und wichtige Lücken

Trotz dieser Fortschritte zeigte der Gipfel aber auch strukturelle Schwächen. Da der Text der Abschlusserklärung schon im Vorfeld ausgehandelt worden war, blieb der Raum für offene Debatten begrenzt. Mehrere zentrale Herausforderungen – wie die zunehmende Verflechtung von Klimakrise und sozialer Ungleichheit, die Situation von Menschen in informeller Arbeit oder komplexe Formen sozialer Ausgrenzung – wurden nur am Rand oder nicht ausreichend vertieft behandelt. Auch fehlten konkrete Verpflichtungen zu Reformen im globalen Wirtschafts- und Finanzsystem sowie klare Finanzierungszusagen für soziale Sicherung und Armutsbekämpfung.

Wer im globalen Sozialdiskurs weiterhin unsichtbar bleibt

Die Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit bleibt trotz der Bemühungen eindimensional. Viele Formen mehrfacher Diskriminierung – etwa durch Herkunft, Hautfarbe, sozialem Status, Behinderung oder sexueller Orientierung – wurden kaum berücksichtigt. Zwar waren Delegierte marginalisierter Gemeinschaften erstmals deutlicher vertreten, doch intersektionale Ansätze finden im offiziellen Text der Doha-Erklärung nur begrenzte Anerkennung.

Was die Ergebnisse des Weltsozialgipfels für Gleichstellungspolitik bedeuten

Der Gipfel in Doha markiert keinen Abschluss, sondern den Beginn einer neuen Phase der globalen Debatte über soziale Gerechtigkeit. Entscheidend wird sein, ob die formulierten Ziele in nationale Politiken, internationale Zusammenarbeit und konkrete Reformen übersetzt werden. Damit der Anspruch eines sozial gerechten und gender-sensiblen Gesellschaftsvertrags Wirklichkeit werden kann, braucht es verbindliche politische Maßnahmen, ausreichende Finanzierung und die konsequente Einbindung marginalisierter Gruppen.

Auf dem Gipfel: Brot für die Welt, Global Policy Forum, Christoffel Blindenmission, Deutsches Institut für Menschenrechte und WECF – mit der Präsidentin der UN-Generalversammlung, Annalena Baerbock