Unsere Sorgen, Zweifel und Worte der Soldarität in Zeiten von Covid-19

Liebe Freund*innen,

Wir hoffen, dass diese Zeilen euch und eure Familien und Kolleg*innen sicher und gesund antreffen. Mit den folgenden Worten möchten wir von WECF unsere ernsthafte Besorgnis über die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie zum Ausdruck bringen und auch über mögliche Schritte und Empfehlungen sprechen. Wir möchten außerdem unsere Solidarität und unser Mitgefühl mit denjenigen unter euch teilen, die trauern oder Angst haben, einen Verwandten oder Freund*in zu verlieren.

 

Verschärfte Ungleichheiten

Wir sind sehr besorgt, von unseren Partner*innen auf der ganzen Welt zu hören, wie die Covid-19-Pandemie Ungleichheiten verschärft. In Indien zum Beispiel wurden Millionen von Wanderarbeiter*innen von ihren Zeitarbeitsplätzen verdrängt und aus ihren Wohnungen in den Städte vertrieben. Sie haben kein Einkommen, keine Nahrung und keine Unterkunft, wie in einem Artikel von Arundathi Roy beschrieben.

Frauen sind weltweit häufiger als Männer von informellen und prekären Arbeitsbedingungen betroffen und bilden den Großteil untern den Wanderarbeiter*innen. Sie sind auch die Hauptversorgerinnen für ihre Familie und arbeiten mehr Stunden als Männer, wie die Fakten und Zahlen der UN zeigen. Die Covid-Pandemie und die Sperrmaßnahmen erhöhen das Risiko von Gewalt im öffentlichen Bereich,  sowie in Privathaushalten.

Extreme Armut und Hunger nehmen zu, erzählt ein Artikel von WIEGO und Oxfam spricht von bis zu 500 Millionen Menschen, die in den nächsten Monaten zusätzlich in akute Einkommensarmut geraten könnten. Wir haben beunruhigende Nachrichten von unseren Partner*innen aus Marokko erhalten, wo die Frauen-Argan-Genossenschaften ihre Einkünfte verloren haben, weil Käufer*innen nicht erreichbar sind, sowie aus Äthiopien, Paraguay, Uganda und Südafrika, wo unsere Partner*innen Schwierigkeiten haben, Zugang zu Medikamenten, Wasser und Nahrungsmitteln zu erhalten.

 

Machtübernahmen durch populistische Regierungen

Wir sind besorgt darüber, dass populistische Regierungen einerseits ihre Bevölkerung einem hohen Risiko aussetzen, indem sie die erforderlichen Maßnahmen gegen die Pandemie verzögern, und andererseits den Notfallstatus für Machtübernahmen ausnutzen, um Grundfreiheiten und demokratische parlamentarische Kontrolle einzuschränken, wie beispielsweise in Ungarn und Brasilien.

 

Hunger- und Sterblichkeitsraten bei einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen

Die Quarantänemaßnahmen, die ohne Gewährleistung grundlegender sozialer Dienste ergriffen wurden, führen zu Hungersnot und zum Tod der Bevölkerungsgruppen mit niedrigerem Einkommen. Schockierende Statistiken aus den USA zeigen, dass Afroamerikaner*innen in Chicago und Louisiana aufgrund des fehlenden Zugangs zu Krankenhäusern einen extrem hohen Anteil an Todesopfern durch das Virus haben, erklärt die NY Times.

Besorgniserregende Geschichten erreichen uns auch aus Slums wie Kibera (Kenia), Khayelitsha (Südafrika) sowie aus Simbabwe und Mosambik, Nepal und Indien, wo die Lebensmittelpreise steigen und sofort staatliche Unterstützung benötigt wird (El Pais). Unsere Partner*innen aus Asien teilen mit, dass „Älteste wissen, wie sich Hunger anfühlt“.

 

Gesundheitssektor aufgrund von Sparmaßnahmen am Rande des Zusammenbruchs

Jahrzehntelange Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen haben zur Schließung regionaler Krankenhäuser und Gesundheitsdienste im Allgemeinen, sowie von Intensivpflegebetten geführt, die heute so dringend benötigt werden, wie unser Vorstandsmitglied Gabriele Köhler Artikel in ihrem Artikel Our Common Right to Health erklärt. Anstatt vorbeugende Maßnahmen gegen eine neue Pandemie zu ergreifen, hat das Internationale Währungsministeriumkurzfristige Interventionen des Privatsektors gefördert. Die katastrophale Situation von Covid-19 in vielen europäischen Ländern und den USA ist unter anderem das Ergebnis dieser neoliberalen Politik, bei der Krankenhäuser geschlossen und gezwungen wurden, gewinnorientiert zu wirtschafte. Dies zeigt sich am deutlichsten in den USA, die laut Isabel Ortiz u.a. das teuerste und am wenigsten effektive private Gesundheitssystem der Welt haben.

 

Die Auswirkungen von Covid-19 gehen über die Todeszahlen hinaus

Männer sterben häufiger an dem Virus. Dies belegen Statistiken, die gerne von den Medien hervorgehoben werden. Aber die Auswirkungen der Eindämmungsmaßnahmen haben große Auswirkungen auf Frauen und nicht-binäre Personen. Die Zahlen über häusliche Gewalt, unter der weltweit täglich 137 Frauen sterben, steigen aufgrund der Quarantänemaßnahmen von Covid-19. Diese „Schattenpandemie“ kann nicht ignoriert werden, sagt UNWOMEN (Siehe dazu auch den Artikel In Quarantäne mit einem Täter).

Problematisch ist auch, dass Frauen, die schwanger sind oder eine Abtreibungsbetreuung benötigen, weniger Zugang zu Gesundheitsdiensten haben, wie in einem Interview mit UNFPA beschrieben. Anstatt die Rechte von Frauen zu stärken, berichten unsere Partner*innen von Wo=Men, wie COVID-19 auch dazu verwendet wird, die Rechte der Frauen weiter zurückzudrängen (in Niederländisch).

 

Frauen an vorderster Front

Frauen machen weltweit 65% bis 90% der Beschäftigten im Gesundheitswesen an vorderster Front aus und sind darüber hinaus als primäre Betreuerinnen in Familien überproportional von den Quarantänemaßnahmen betroffen. Diese frontline Mitarbeiter*innen des öffentlichen Gesundheitswesens, die jetzt von an Fenstern klatschenden Menschen gefeiert werden, sind stark unterbezahlt. In vielen Ländern erhalten sie außerdem weder den grundlegenden Hygieneschutz noch die grundlegenden Arbeitnehmer*innenrechte, wie in diesem Artikel beschrieben.

Diese Woche legte die Simbabwe Association of Doctors for Human Rights dem High Court in Harare nahe die Regierung zu zwingen, den Mitarbeiter*innen im Gesundheitswesen persönliche Schutzausrüstungen (PSA) zur Verfügung zu stellen und öffentliche Krankenhäuser angemessen auszurüsten, um den Covid-19-Ausbruch zu bekämpfen.

 

Verschmutzung und Umweltzerstörung erhöhen das Covid-19-Risiko

Es werden auch Untersuchungen durchgeführt, die belegen, dass Menschen, die einer höheren Verschmutzung ausgesetzt sind, weniger resistent gegen das Virus sind. Beispielsweise ist eine toxische chemische Verschmutzung mit einem höheren Diabetesrisiko verbunden, was das Risiko schwerer Covid-19-Fälle erhöht. Höhere Luftverschmutzungsgrade sind auch mit höheren Todesraten durch Covid-19 verbunden, schreibt die NYTimes. Gleichzeitig fordert die umweltverschmutzende petrochemische Industrie, Rettungsaktionen und eine Rücknahme der Umweltgesetze, berichten asiatische NGOs, die gegen Steuererleichterungen für Unternehmen vorgehen.

Wir sind auch besorgt darüber, dass Regierungen ihre Klimaschutzverpflichtungen zurückziehen, wie beispielsweise ind Japan. UN Environment hat auch vor der nächsten Pandemie gewarnt, wenn wir keine Maßnahmen ergreifen, den Verlust biologischer Vielfalt zu stoppen. Dies scheint insofern dringlich, da der Verkauf von Wildtieren als Quelle von Covid-19 vermutet wird.

 

Jenseits der Pandemie: Multilaterale Zusammenarbeit erforderlich

Seit langem ist klar, dass wir eine Transformation brauchen, dass wir von neoliberaler Politik abzurücken müssen, von dieser Politik, die an den Ursachen dieser Krise festklebt und viele geschlechtsspezifische Ungleichheiten aufrecht erhält. Es ist wichtig, dass diese Krise, wenn sie endgültig vorbei ist, keine Fortsetzung des normalen Geschäftsbetriebs darstellt. Was benötigt wird, sind multilaterale koordinierte Maßnahmen, die geschlechtergerecht und umweltverträglich sind, wie sie letzte Woche von Antonio Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen, vorgestellt wurden. Der Generalsekretär appellierte Anfang dieser Woche für einen globalen Waffenstillstand inmitten der Covid-19-Pandemie und betonte, dass Frauen und Kinder zu den in Kriegszeiten am stärksten gefährdeten Menschengruppe gehörten und dem höchsten Risiko ausgesetzt sind, verheerende Verluste durch die Pandemie zu erleiden. Dies zeigt bereits erste Ergebnisse. Zwei Millionen Menschen haben die Waffenstillstands-Petition des UN SG Guterres unterzeichnet: https://secure.avaaz.org/campaign/en/global_ceasefire_loc/

 

Ergriffene Maßnahmen

Viele feministische Organisationen und Umweltorganisationen haben bereits Maßnahmen ergriffen, um sofortige und längerfristige Regelungen gegen die Auswirkungen von Covid-19 zu etablieren.

  • Uns erreichten Anfragen von Basisgruppen, ihre Sofortmaßnahmen bezüglich der Pandemie und des internationalen Lockdowns zu unterstützen. Von unseren Förder*innen wurde uns Flexibilität für lokale Women2030- Programmpartner*innen zugesagt, um geplante Aktivitäten verschieben zu können. So können feministische und Umweltgruppen bei der Reaktion auf die Krise in Asien, Afrika und Lateinamerika besser unterstütz werden.
  • Die Covid-19 Krise zeigt deutlicher als je zuvor, warum unsere Arbeit für eine geschlechtergerechte, klima- und umweltfreundliche Entwicklung von entscheidender Bedeutung ist. Wir setzen gemeinsam mit unseren Partner*innen unsere politische Befürwortung für die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung fort, die nun bedeutsamer ist als zuvor, da sie uns die Grundlagen für Erholung und Transformation bietet. Unser Netzwerk für Gender Just Climate Solutions setzt die Replikation und Unterstützung lokaler Best Practices fort und unsere Partnerorganisationen überwachen ihre Regierungen trotz der Pandemie und der Sperrung weiterhin auf Fortschritte. Auch wenn persönliche Treffen nicht mehr möglich sind, schulen wir unsere Partner*innen und Kolleg*innen in virtuellen Advocacy-Tools und organisieren erfolgreich das Online-Forum der Zivilgesellschaft für nachhaltige Entwicklung.
  • Wir setzen weiterhin unsere Unterstützung für die globale Frauenrechtsagenda fort, indem wir uns für den Prozess der Gleichstellung der Generationen Pekin+25 und für die Aktionskoalitionen einsetzten, die zur beschleunigten Umsetzung globaler Verpflichtungen geschaffen werden, obwohl die physischen Treffen auf 2021 verschoben wurden. Wir unterstützen die Kerngruppe von UNWOMEN, Mexiko und Frankreich durch die Berater*innengruppe mit einem besonderen Schwerpunkt auf feministischen Maßnahmen für Klimagerechtigkeit und geschlechtsspezifische Technologien.
  • Unsere Partner*innen vom asiatisch-pazifischen Forum für Frauenrecht und Frauenentwicklung (APWLD) setzen sich für den Schuldenerlass ein. Schließt euch der Kampagne #CancelTheDebt Debt Relief now an, damit die Länder die Pandemie bekämpfen können! Durch den Schuldenerlass für 69 Länder mit niedrigem Einkommen würden 25,5 Milliarden US-Dollar freigesetzt, um Covid-19 in diesem Jahr zu bekämpfen. Die APWLD hat eine Erklärung zum Scheitern des neoliberalen Kapitalismus und zur Notwendigkeit feministischer Solidarität veröffentlicht, siehe hier. Sie unterstützen auch die urgend action Kampagne für Migrant*innen im asiatisch-pazifischen Raum.
  • Unsere Partner*innen der Global Forest Coalition fordern die Regierungen auf, Umweltverschmutzer*innen nicht zu retten. Siehe: #SavePeopleNotPlanes und No Bail out of Oil and Gas, sowie die Forderung nach #JustRecovery und seinen 5 Grundprinzipien. Ihr könnt alle ihre Kampagnen unterstützen.
  • Die Krise stärkt die feministische Solidarität. Wir unterstützen die Schaffung eines globalen feministischen Covid-Response-Netzwerks mit unseren Partner*innen aus der Women’s Major Group für nachhaltige Entwicklung, dem Women’s Human Rights Caucus und der Women and Gender Constituency. Das feministische Netzwerk schafft einen Raum, in dem Feminist*innen auf der ganzen Welt solidarisch zusammenkommen können. Ein Raum für persönliche Überlegungen und zum Austausch von Kampagnen, Ressourcen und Aussagen. Es zeigt auch, wie die Gesetzgebung in verschiedenen Ländern geändert wird und wie sie sich auf die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter auswirkt, und wir teilen Fähigkeiten bei virtuellen Treffen.
  • Wir arbeiten mit Partner*innen an der Fürsprache und Sensibilisierung für die Herausforderungen nach Covid-19, um sicherzustellen, dass wir nicht in gewohnte Strukturen zurückfallen, sondern das Schiff auf einen nachhaltigen, geschlechtergerechten und klimagerechten Kurs drehen. Diesmal können wir nicht weniger als Systemwandel akzeptieren! Wir bauen auf UNCTADs „COVID19 requires gender-equal responses to save economies“ und der TNI-Analyse über kommende globalen Rezessionen und den Aufbau einer internationalen Reaktion auf das Coronavirus.

In den kommenden Wochen und Monaten werden wir viele weitere Beispiele für die Kraft und Widerstandsfähigkeit der ökofeministischen Bewegung vorstellen. Lasst uns in diesem Geist des sozialen Miteinanders und der Solidarität fortfahren!

Pass auf dich und andere auf – and stay engaged!