„Klimagerechtigkeit hat mir geholfen, das große Ganze zu sehen“ – Interview mit dem Vorstandsmitglied von WECF International Miriam Mona Mueller

Interview auf Englisch von Eveline van der Veen, übersetzt ins Deutsche von Julika Zimmermann

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Miriam lernte uns zum ersten Mal im Jahr 2017 kennen, als sie sich der WECF Jugenddelegation bei der sechsten Minister*innenkonferenz für Umwelt und Gesundheit in Ostrava in der Tschechischen Republik anschloss. Danach haben wir sie nie wieder aus den Augen gelassen und freuen uns nun sehr, Miriam Mona Müller als Mitglied unseres Vorstands von WECF International begrüßen zu dürfen. In ihrer Promotion forscht sie zu einer dekolonialen Perspektive auf Gender, Frieden und Sicherheit und arbeitet nebenbei für das Zentrum für Feministische Außenpolitik. Sie hofft, dass andere junge Menschen in ihre Fußstapfen bei uns treten werden, um eine wachsende, generationenübergreifende Organisation zu fördern, in der jeder Mensch das eigene Wissen teilen kann.

Es ist unser feministischer Aspekt, der Miriam anfangs anlockte. Sie erzählt: „Ich bin sehr dankbar dafür, dass der WECF zu meinem ökofeministischen Verständnis beigetragen hat. Klimagerechtigkeit hat mir wirklich geholfen, das größere Bild zu sehen und zu verstehen, wie alle anderen Themen miteinander verknüpft sind.“ Diese Verflechtung ist wichtig, denn wir sehen, dass es an vielen Stellen noch daran mangelt.

„In Deutschland geht es bei Geschlechtergerechtigkeit immer noch hauptsächlich um die Stärkung der ohnehin Privilegierten, z.B. weiße Frauen in Führungspositionen. Weil es ohnehin schon schwierig ist, über Feminismus zu reden, denken die Leute oft, sie könnten kein anderes Thema damit verknüpfen, wie zum Beispiel Rassismus. Das ist nicht nur verletzend, sondern auch ausgrenzend, weil es bedeutet, dass meine Interessen nicht berücksichtigt werden. Denn wenn nicht alle Unterdrückungsformen  berücksichtigt werden, dann ist Feminismus für mich nicht intersektional, und stellt überhaupt kein Fortschritt dar.“

Könntest du ein bisschen mehr über die Bedeutung von Intersektionalität erzählen und wieso sie für unsere Bewegung notwendig ist?

„Es ist wirklich anstrengend, immer wieder auf den Zusammenhang zwischen Sexismus und Rassismus aufmerksam machen zu müssen. Das gilt für die feministische Bewegung, aber auch außerhalb der Bewegung. Es erfordert viel emotionale Arbeit, weil es nicht nur um Arbeit oder einen Protest geht, sondern um unseren Alltag. Bei all den Problemen, die wir anpacken müssen, ist der Druck für BIPoC, diplomatisch und intersektional zu sein, höher im Vergleich zu weißen Aktivist*innen. Also, was wir brauchen, sind sicherere Räume für BIPoC, nicht weil wir die feministische Bewegung spalten wollen, sondern um uns vor zusätzlicher emotionaler Arbeit zu schützen. Also, ich denke, es ist besser, als weiße Person sich zurückzunehmen und nicht in diese sichereren Räume einzudringen, einfach den BIPoC-Kolleg*innen zuhören und es dabei belassen.

Ein weiteres Problem ist die generelle schlechte Bezahlung für Aktivismus und politische Arbeit. So sehen wir im Klima-Aktivismus und der Advocacy-Arbeit sowohl lokal als auch auf globaler Ebene hauptsächlich (junge) weiße Menschen, die Zeit, Energie und Geld haben, um zu partizipieren und sich in die Debatte einzubringen. Dies führt zu einer elitären Perspektive auf Klimagerechtigkeit. Einige BIPoC-Organisationen haben zum Beispiel die politische Debatte über das Reduzieren von Fliegen kritisiert. Bei der Diskussion in Deutschland ging es darum, dass wir alle weniger fliegen sollten, was auch richtig ist. Was in der Debatte komplett fehlte, war das für Menschen mit Migrationsgeschichte fliegen auch bedeutet Familienmitglieder besuchen zu können. Diese Perspektive fehlte völlig.

Allen Stimmen Gehör zu verschaffen, bedeutet nicht nur, Rassismus zu bekämpfen, sondern auch, Frauen in ihrer ganzen Vielfalt zu ermächtigen. Wenn wir uns die Leute anschauen, die über die Klimapolitik und den Innovationssektor entscheiden, sind diese Entscheidungen immer noch sehr weiß-männlich dominiert. Wichtig ist, dass wir andere Perspektiven und Erfahrungen einbringen, nicht unbedingt, weil ’neue‘ Perspektiven zwangsläufig besser sind, sondern weil mehr Perspektiven auch einfach die Diversität der Gesellschaft besser abbilden und es verdienen, gehört zu werden. In Deutschland haben wir die Chance und die finanziellen Mittel, unsere Plattformen vielfältig zu gestalten.“

Worüber wir auch viel hören, ist das Verhältnis zwischen dem Globalen Norden und Globalen Süden und die Dekolonisierung unserer Arbeit. Was sind deine Erfahrungen mit diesen Themen?

„Seit meinem Start bei WECF habe ich viel über Advocacy-Arbeit gelernt, was sich als Meilenstein in meiner Karriere herausstellte. Es hat mir wirklich geholfen, all diese Prozesse und Strategien der Advocacy-Arbeit zu verstehen. So schaue ich mir jetzt an, wie sich die Afrikanische Union und die Europäische Union in Bezug auf Gender, Frieden und Sicherheit sehen, und ich habe ein größeres Verständnis für die Dimensionen, die das Thema umgeben. Was ich wirklich interessant finde, ist, dass die EU sich als Hüterin und Exporteurin von Menschenrechten versteht. In Bezug auf Europa als ehemalige Kolonialmacht wird dies jedoch kaum in Frage gestellt, insbesondere wenn wir heute die sogenannte Migrationspolitik der EU analysieren. So stellt sich die EU und ihre Mitglieder als Hüter*innen der Menschenrechte dar, aber nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen, von weißen und christlichen Menschen. So lässt sie einen großen Teil der Bevölkerung außen vor und der Mangel an Diskussion macht es den Menschen auch schwer zu sehen und zu verstehen, dass es da draußen noch etwas anderes gibt.

In Deutschland sind nur wenige Stimmen sichtbar, die sagen, dass wenn über Klimagerechtigkeit gesprochen wird, auch über Kolonialismus gesprochen werden muss. Die Tatsache, dass der Globale Norden den Globalen Süden seit sehr langer Zeit ausbeutet, wobei es sich hauptsächlich um die kapitalistische Ausbeutung durch Unternehmen des Globalen Nordens handelt, wird nicht wirklich thematisiert. Also wird ein großer Teil der Diskussion aktiv verdrängt. Wir sind schnell dabei einen Akt der Fürsprache oder des Aktivismus zu feiern, wenn der Globale Norden in den Globalen Süden kommt, um zum Beispiel einen Baum zu pflanzen. Aber wir betonen nicht, dass Menschen im Globalen Süden, die stärker direkt und physisch vom Klimawandel betroffen sind, jeden Tag gegen den Klimawandel kämpfen. Für Menschen im Globalen Süden ist es eine Frage des Überlebens, daher wird es als normal angesehen und nicht als Aktivismus oder Advocacy-Arbeit von den Akteur*innen des Globalen Nordens. Es ist wichtig, dass es im Globalen Norden ein Gleichgewicht zwischen Verbündeten und Befürworter*innen gibt, aber gleichzeitig nicht zu viel Raum eingenommen wird. Also sollten wir auch die lokalen Initiativen im Globalen Süden sichtbar machen und uns nicht nur auf das einmalige Pflanzen eines Baumes konzentrieren.“

Und wie entwickelt sich die Einstellung zu Rassismus in Deutschland? Hast du zum Beispiel nach den Black Lives Matter Protesten eine Veränderung festgestellt?

„Ich glaube schon, dass die Proteste vom letzten Jahr einen Unterschied in der deutschen Gesellschaft gemacht haben. Jedoch denken weiße Menschen weiterhin oft nur an Black Lives Matter in den USA, wenn sie jetzt von Rassismus hören. Vor dem Mord an George Floyd gab es mehrere Nazi-Terroranschläge in Deutschland, bei denen Menschen mit Migrationsgeschichte getötet wurden. Damals sind weiße Menschen nicht auf die Straße gegangen. Also, weiße Leute verbinden Rassismus immer noch nicht mit Deutschland. Ein Beispiel dafür ist die geforderte Studie über Racial Profiling, die bei der Polizei hätte durchgeführt werden sollen. Der Innenminister sagte aber, dass die Studie nicht notwendig sei, weil Racial Profiling rechtswidrig ist. Aber nach dieser Logik könnten wir auch die Polizei abschaffen, weil niemand ein Verbrechen begehen würde, da das illegal ist. Das Beispiel zeigt, dass weiße Politiker*innen und die weiße Dominanzgesellschaft im Allgemeinen nicht wirklich ein Bewusstsein für Rassismus und für Deutschland als ehemalige Kolonialmacht haben. Ein Grund ist sicherlich, dass es in der Schule nicht gelehrt wird. Sigmar Gabriel, der ehemaliger Außenminister, sagte sogar auf einer Friedenskonferenz, dass Deutschland nie ein Kolonialstaat gewesen sei. Und auch wenn Deutschland keine so starke Kolonialmacht war wie einige andere Länder, hatte es definitiv Kolonien. Wenn wir also Deutschlands koloniale Geschichte leugnen, sehen wir auch nicht den Zusammenhang zwischen Rassismus, Nationalsozialismus und unserer heutigen Gesellschaft.

Was wir letztlich brauchen, ist eine Gesellschaft, die in der Lage ist, ihre eigene Geschichte zu reflektieren, daraus zu lernen und eine Gegenwart zu schaffen, in der alle Stimmen gehört werden, damit wir auf eine nachhaltige Zukunft hinarbeiten können. Das ist es, was Ökofeminismus ausmacht.“

Danke, Miriam, für das Gespräch!