Unsere gemeinsame Gegendarstellung mit UN Women zur dargestellten Position zu Sexarbeit in Welt-Sichten

Das Welt-Sichten-Heft 2/2020 übernimmt einen Bericht der Amerikanerin Barbara Crossette über eine Diskussion im Zusammenhang mit der Frauenrechtskomission 2020, die zu den Ergebnissen der vierten Weltfrauenkonferenz in Peking aus dem Jahr 1995 Stellung nimmt. Darin kritisiert Frau Crosette unsere und die von UN Women in Genf geleistete Arbeit, ohne selbst anwesend gewesen zu sein. Es geht um die Frage von Menschenrechten und Prostitution.

In dem folgenden Leser*innenbrief, stellen Karin Nordmeyer, Vorsitzende von UN Women Deutschland und unsere Vorsitzende Sascha Gabizon deutliche Gegenargumente zu Barbara Crossettes Position aus der feministischen Perspektive dar. Der Leser*innenbrief erschien in der Welt-Sichten Printausgabe 3/2020.

Frau Crossette stellt die schwedische Position als die einzig richtige dar, und leitet daraus eine unberechtigte Kritik an UN Women – der Frauenrechtsorganisation der Vereinten Nationen – und an der Zivilgesellschaft ab. Als Organisatorinnen der Regionalkonferenz der Zivilgesellschaft vor der Konferenz der Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen (UNECE) möchten wir daher zweierlei richtigstellen. Erstens, es wurde niemand wegen ihrer „politischen Position zu Sexarbeit“ von der Genfer Konferenz ausgeschlossen. Zweitens, als Feministinnen sind wir selbstverständlich gegen sexuelle Ausbeutung und Sklaverei.

Wir müssen konsequent die Grundursachen – ökonomische Abhängigkeit – angehen. Dazu müssten wir in Europa/ der EU als erstes die Sozial- und Arbeitsmarktpolitik ändern, und ausbeuterische Migrationsketten bekämpfen, die Menschen in die Prostitution zwingt. Das „Schwedische Model“ – ein völliges Verbot von Prostitution, bei der der Freier bestraft wird – ist für viele Feminist*innen aus dem Globalen Süden keine Lösung, denn in den meisten Ländern ist Prostitution verboten und existiert im Untergrund, wo die Sexarbeiter*innen völliger Willkür und Ausbeutung ausgesetzt sind. Es gibt – leider – kein „one fits all“ legislatives Modell.

Die Organisationen, die die UN auffordern, sich für ein vollständiges Verbot der Prostitution einzusetzen, nennen sich „Abolitionists“ und sie sind überzeugt davon, dass ein weltweites Verbot die einzige Lösung gegen sexuelle Ausbeutung und Sklaverei sei und stellen sich gegen alle Feminist*innen, die anders denken. Die Abolitionist*innen übersehen jedoch in ihrer Argumentation, dass alle Frauenorganisationen selbstverständlich Sklaverei ablehnen. Sie ist eine existentielle Verletzung der Menschenrechte. Jedoch besteht Sklaverei trotz der Verbote in vielen weiter: 40 Millionen Menschen, mehr denn je in der Geschichte der Menschheit, sind der modernen Sklaverei rechtlos ausgeliefert. Verbote sind keine nachhaltige Lösung, solange die zugrundliegende wirtschaftliche Ausbeutung sowie die Diskriminierung und Unterdrückung bestimmter Gruppen aufgrund der Ethnie, sozialer Schicht, Kaste, Geschlecht oder sexueller Orientierung weiter bestehen.

Unsere Position ist daher, weltweit und in jeder Region und jedem Land für die Rechte der Menschen, die im informellen Sektor arbeiten, kämpfen. Dazu gehört integral der Kampf um die Rechte der Sexarbeiter*innen, den UN Women, die ILO und die Zivilgesellschaft zusammen führen. Dazu gehören auch unabdingbar die Stimmen der Sexarbeiter*innen selber. Leider – sicher unbeabsichtigt – riskiert Frau Crossettes einseitige Darstellung der unterschiedlichen politischen Positionen, einen Keil in die weltweite solidarische Frauen*bewegung zu treiben. Wir respektieren die Ziele der Abolitionist*innen, die sexuelle Sklaverei zu beenden, aber betonen, dass es verschiedene Wege gibt, die Rechte der in der Prostitution arbeitenden Menschen zu erkämpfen.

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