Die Empörung der Nichtbetroffenen – Eine intersektionale Perspektive auf die Klimakrise 

von Antonia Fuhrmann

Unsere Welt ist ungerecht. Frauen verdienen deutlich weniger als Männer, die Schere zwischen den sozialen Schichten wird größer und die Klimakrise spitzt sich zu. Nichtbinäre Geschlechter und transgender Personen werden stigmatisiert und Geflüchteten wird der Einstieg in Deutschland erschwert. Das was nicht unserer gesellschaftlichen Norm entspricht wird verurteilt. Leider beeinflussen Aspekte wie Geschlecht, sexuelle Orientierung und Hautfarbe die Qualität des Lebens, da sie von Diskriminierung begleitet werden. Menschen, die nicht unserer gesellschaftlichen Norm entsprechen, bekommen dies am meisten zu spüren. 

Ich bin eine weiße cis Frau und führe seit ich auf der Welt bin ein privilegiertes Leben. Trotzdem habe natürlich auch ich schon aufgrund meines Geschlechts Diskriminierung erfahren. Als ich beispielsweise den Duschschlauch in meiner WG austauschte, kommentierte das mein Mitbewohner später überrascht mit: „Ach krass, ich dachte sowas können Frauen nicht.“

Mir ist dabei wichtig zu erwähnen, dass nur weil ich eine Frau bin, ich nicht für alle Frauen sprechen kann. In diesem Artikel soll es nämlich nicht um mich gehen, sondern um das Thema der Mehrfachdiskriminierung, die viele Menschen, erleben. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, aufgrund von mehreren Aspekten diskriminiert zu werden. Mir ist bewusst, dass ich nicht repräsentativ für Women Of Color (WOC) sprechen kann. Der Anspruch dieses Artikels liegt darin, Menschen auf das Konzept Intersektionalität aufmerksam zu machen, denn schon alleine das lässt uns im Alltag aufmerksamer werden.

Von Straßen, Kreuzungen und Rettungswägen 🚑

Intersektionalität ist ein Konzept, das verschiedene Kategorien sozialer Ungleichheit beschreibt und den Anspruch hat, diese sichtbarer zu machen. Der Begriff geht auf die US-amerikanische Juristin Kimberlé Crenshaw zurück, die den Begriff „Intersectionality“ 1989 eingeführt hat. „Intercetionality“ leitet sich von „Intersection“, also „Straßenkreuzung“, ab.

Aber was bedeutet Intersektionalität konkret? In Crenshaws Bild einer Straßenkreuzung stellen die Straßen verschiedene Diskriminierungsformen da. Vorschlag: Stellen wir uns vor, auf dieser Kreuzung steht eine schwarze cis Frau. In den meisten Regionen der Welt wird sie aufgrund ihres Schwarzseins, ihres Geschlechts und (insbesondere in weiß-dominierten Regionen) vielleicht auch aufgrund ihrer Klasse diskriminiert. Sie erlebt also Diskriminierung aus drei Richtungen: Rassismus, Sexismus und Klassismus. Säße sie beispielsweise zusätzlich im Rollstuhl oder hätte eine andere starke gesundheitliche Einschränkung, käme noch Ableismus als vierte Richtung hinzu.

Multiplikation von Ungleichheiten

Damit ist nicht gemeint, dass manche Menschen mehr diskriminiert werden als andere. Statt die Wirkung von zwei, drei oder mehr Unterdrückungen lediglich zu addieren, wird betont, dass die Kategorien in verwobener Weise auftreten und sich wechselseitig verstärken, abschwächen oder auch verändern können. Hier wird von einer Multiplikation von Ungleichheiten gesprochen, da es eine Wechselwirkung zwischen den sozialen Ungleichheiten gibt.

Das bedeutet, dass jeder Mensch verschiedene Diskriminierungserfahrungen macht. Der Verkehr symbolisiert die Praktiken, die sich an der entsprechenden Diskriminierungsform entlang bewegen. Um diese Diskriminierungsmechanismen, von denen die Frau betroffen ist, braucht es also Maßnahmen, die alle drei Aspekte (Klassismus, Rassismus und Sexismus) miteinbeziehen. Maßnahmen, die sich nur an Sexismus richten, ignorieren die anderen zwei (oder mehr) Aspekte. Crenshaw vergleicht eine intersektional-blinde Politik mit einem Rettungswagen, der dieser Person nur dann helfen würde, wenn sie nachweisen könnte, auf welcher der beiden Straßen sie verletzt worden ist, aber nicht dort, wo sich beide überschneiden.

Anhand des Beispiels wird deutlich, dass es nicht mehr ausreichend ist, ein Phänomen dahingehend zu analysieren, inwiefern Frauen aufgrund ihres Frauseins sondern auch hinsichtlich anderer Kategorien diskriminiert werden.

Frauenquoten reichen nicht

Das Konzept der Intersektonalität wirkt auf den ersten Blick komplex. Die intensive Auseinandersetzung hat sich allerdings gelohnt, da mir die Wichtigkeit des Konzepts bewusst geworden ist. Der Fakt, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft mit mehreren Kulturen und Religionen ist, sollte uns dazu anregen, uns über Pluralität Gedanken zu machen. Themen wie Gleichberechtigung, Selbstbestimmung, Freiheit und Gleichheit betreffen uns alle, da wir tagtäglich mit Verletzungen dieser Werte konfrontiert sind.

Anhand des Beispiels der Frauenquote im Bundestag, wird die Relevanz der Thematik deutlich. Der Frauenanteil im Bundestag hat zwar seit 1983 zugenommen und beträgt heute 31,2 %, allerdings sind diese Frauen zum größten Teil weiß. Wie können die Bedürfnisse von Women Of Color berücksichtigt werden, wenn sie im Bundestag unterrepräsentiert sind? Es findet also eine strukturelle Diskriminierung statt.

Die Empörung der Nichtbetroffenen ✊🏻 📣❗

Schön und gut, aber was hat das mit der Klimakrise zu tun? Ganz einfach: Wir beuten die Erde und ihre natürlichen Ressourcen aus, so wie wir Menschen ausbeuten. Mit der intersektionalen Brille wird uns klar, dass von diesen Ausbeutungsmechanismen insbesondere eine mehrheitlich weiße, mehrheitlich akademische, und mehrheitlich wohlhabende Gesellschaft des globalen Nordens profitiert. Wenn wir unsere persönlichen und strukturellen Privilegien hinterfragen, kommen wir irgendwann automatisch an den Punkt, dass wir – in unterschiedlicher Intensität – auf Kosten von Schweiß, Blut, Land, Wohlergehen und Leben anderer Menschen und unseres Planeten existieren.

Ich möchte nicht sagen, dass unsere Welt ausschließlich schlecht ist. Es lohnt sich positiv gestimmt zu bleiben, denn es gibt Tendenzen in die richtige Richtung. Trotzdem ist noch einiges zu tun, um unsere Welt gerecht(er) zu machen. Auch wenn dies manchmal unmöglich erscheint, ist es das nicht. Wir müssen umdenken, unser System ändern: Wir müssen das Patriarchat und den Kapitalismus niederreißen, denn nur dann können wir eine gerechte und sichere Zukunft für alle schaffen.

Benjamin Franklin sagte: „Der Gerechtigkeit kann kein Genüge getan werden, solange nicht die Nichtbetroffenen genauso große Empörung empfinden wie die Betroffenen selbst.“ Unsere Welt muss gerechter werden, daher ist ein intersektionaler Ansatz unumgänglich. Wir sollten uns in Alltagssituationen öfter fragen, welchen Erfahrungen ist diese Person ausgesetzt, die ich niemals machen werde.

✊🏽✊🏼✊🏾🖤

 

Dear white people, watch this movie – if you can.

Literatur

Gabriele Winker, Nina Degele 2009: Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. Bielefeld: transcript.

https://www.bundestag.de/abgeordnete/biografien/mdb_zahlen_19/frauen_maenner-529508

https://www.bpb.de/gesellschaft/gender/frauen-in-deutschland/49418/frauenanteil-im-deutschen-bundestag

https://www.gwi-boell.de/de/intersektionalitaet

https://www.gwi-boell.de/de/2019/04/15/intersektionalitaet-ist-ein-konzept-das-meinem-leben-nie-ein-konzept-war (2019)

Küppers, Carolin (2014). Intersektionalität. In Gender Glossar / Gender Glossary (5 Absätze). Verfügbar unter http://gender-glossar.de

TED (2016): The urgency of intersectionality (video s.o.)