Dekolonisierung unseres Denkens, Erneuerung unseres Vertrauens – Eine Frage des politischen Willens

 von Gina Cortés Valderrama | übersetzt aus dem Englischen von Julika Zimmermann | Read in English in the Global Solutions Journal

 

Gina Cortés Valderrama

Die Zerstörung der Ökosysteme, die zunehmende Ungleichheit und die mangelnde Unstimmigkeit zwischen Diskurs und rechtzeitiger Umsetzung von Maßnahmen durch Regierungen – dies sind Faktoren, die angesichts des alarmierenden Szenarios der Klimakrise bei Bürger:innen aller Altersgruppen ein Gefühl des Misstrauens und der Unzufriedenheit hervorrufen. Um es mit den Worten der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg zu sagen: „Die leeren Versprechen sind dieselben, die Lügen sind dieselben und die Untätigkeit ist dieselbe“ (BBC News, 2019).

Die neuen Generationen wachsen mit einer psychischen Belastung auf, begleitet von einer enormen Angst, ausgelöst durch eine emotionale Reaktion auf eine zu erwartenden Bedrohung in der Zukunft. Diese Angst ist Folge der zunehmenden Bedrohungen im Zusammenhang mit den Auswirkungen des Klimawandels (Hickman et al., 2021). Es ist grausam und gefährlich, in einem Zustand der Angst aufzuwachsen, der mit der Aussicht verknüpft ist, keine Zukunft zu haben und dass die Menschheit aufgrund staatlicher Versäumnisse dem Untergang geweiht ist.

In den letzten Jahren brachten mehrere von Jugendlichen, Frauen*, Bäuer:innen, indigenen und BIPOC-Gemeinschaften angeführte Märsche die Bevölkerung auf der ganzen Welt zusammen, um ehrgeizige Maßnahmen und Lösungen für eine nachhaltigere und gerechtere Zukunft zu fordern. So ist beispielsweise die lateinamerikanische Region seit 2019 das Epizentrum massiver Proteste und sozialer Aufstände. Trotz der COVID-19 Pandemie ließ die lateinamerikanische Regioin einen furchtlosen Aufschrei verlauten, zur Verteidigung ihres Rechts auf ein Leben in Würde und eine sichere, gesunde und saubere Umwelt für alle (BBC, 2019; CNN, 2021). In diesen Märschen drücken die Menschen ihre Unzufriedenheit mit den Regierungen aus und fordern Klima-, Geschlechter- und soziale Gerechtigkeit ein, indem sie Entwicklungsmodelle ablehnen, die auf der Zerstörung unserer natürlichen Ressourcen, Korruption und der Verschärfung von Gewalt beruhen (Cárdenas & Cortés, 2021). Durch einen dekolonialen, intersektionalen und feministischen Ansatz können wir solche Strukturen verändern und einen inklusiven Weg finden, um den Klimawandel zu bekämpfen und das Vertrauen der Gesellschaft in politische Führung und Institutionen wiederherzustellen.

Die Forderung der Jugend: Jetzt oder nie! Handelt! Bildnachweis: Annabelle Avril / WECF

Von den Worten zu den Taten ist es noch ein weiter Weg

In der gesamten Menschheitsgeschichte spielte der Kolonialismus als Herrschaftsform eine zentrale Rolle. Er beruht auf einer monokulturellen Form des Weltverständnisses und ersetzte alle bis dato bestehende soziale und kulturelle Strukturen (Hernández, 2020). Die Aneignung von Land und die Ausbeutung von Ressourcen kennzeichneten den Beginn einer neuen Auffassung von Fortschrittsstrategien und wie sie zu verstehen und umzusetzen sind. Seit der Kolonialisierung kam es zu Vertreibungen indigener und afroamerikanischer Gemeinschaften sowie zur Auferlegung von Normen, die durch einen hegemonialen Diskurs untermauert wurden. Dieser betonte die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, schränkte Grundrechte ein und versetzte Frauen* in einen minderwertigen Status gegenüber Männern* (Alvarado, 2019; OAS, 1987). Seitdem wird Militarismus – verstanden als das Bestreben eines Landes, seine Streitkräfte zu stärken, um sich selbst schlagkräftiger zu machen (Collins, 2021) – dazu benutzt, willkürliche Grenzen zu sichern, die die ethnische, kulturelle, natürliche und religiöse Vielfalt eines bestimmten Ortes missachten. Der Militarismus wird nach wie vor als bedeutende staatliche Institution geführt, die einen ausgeprägten politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Einfluss hat. Diese Institution gefährdet die Lebensgrundlagen lokaler Gemeinschaften. (Salihu, 2017; Woodward, 2009)

Die Kriegswirtschaft profitiert von der Zerstörung der natürlichen Ressourcen. Dies ist ein Übel, das von der Demokratischen Republik Kongo über den Jemen und Syrien bis nach Kolumbien zu beobachten ist. Obwohl der Militarismus ernsthaften Friedensbemühungen den Riegel vorschiebt, beziehen die Regierungen Krieg weiterhin in ihre nationalen Ausgaben ein (Lopes et al., 2021). Die weltweiten Militärausgaben beliefen sich im Jahr 2020 auf schätzungsweise 1.981 Milliarden US-Dollar – der höchste Stand seit 1988. Die Militärausgaben der 15 führenden Länder beliefen sich im Jahr 2020 auf 1.603 Milliarden US-Dollar und machten 81 Prozent der weltweiten Militärausgaben aus (Lopes et al., 2021). Innerhalb dieser Länderliste sind 14 der 15 Länder Teil der G20. Es ist erwähnenswert, dass bei diesen Ausgaben die Kosten für Umweltschäden, die Militärtechnologie, militärische Aktivitäten und Kriegsgefahren verursachen, nicht berücksichtigt werden. Dazu gehören die Emission von Treibhausgasen durch Flugzeuge, die in weiter Höhe fliegen, militärische Übungen, Abfälle und anderes (Cottrell, 2021).

Wie bereits erwähnt, war die Gewinnung von Ressourcen – insbesondere von fossilen Brennstoffen – die vorrangige Komponente des Konzepts der Entwicklungsförderung (Ritchie & Roser, 2020). Die Länder, die heute als entwickelt gelten, vor allem die Länder des globalen Nordens, haben diese Ressourcen jedoch wahllos genutzt. Dies führte nicht nur zu einer Verschlechterung des sozialen und kulturellen Gefüges der in den Förder- und Abbaugebieten lebenden Gemeinschaften, sondern auch zu dem Beginn einer Umweltkrise (Ghosh, 2021; Turner, 2021). Der aktualisierte Übersichtsreport der Nationally Determined Contributions (NDCs, dt. national festgelegte Beiträge) aus dem Jahr 2021 bestätigt, dass der Gesamtausstoß an Treibhausgasen (THG) im Jahr 2030 voraussichtlich 16 % über dem Niveau von 2010 liegen wird – unter Berücksichtigung der Umsetzung aller aktuellen NDCs. Nach Angaben des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) könnte dies bis zum Ende des Jahrhunderts zu einem Temperaturanstieg von etwa 2,7 °C führen. Der IPCC hat betont, dass wir bis 2030 eine Reduzierung der CO2-Emissionen um 45 % benötigen, um den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf 1,5 °C zu begrenzen (UNFCCC, 2021). Für viele Länder scheint dies nicht dringend genug zu sein.

Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) beliefen sich die weltweiten Subventionen für fossile Brennstoffe im Jahr 2020 auf 5,9 Billionen US-Dollar, bzw. etwa 6,8 Prozent des BIP und werden voraussichtlich bis 2025 auf 7,4 Prozent des BIP ansteigen (Parry et al., 2021). Jüngste Berichte zeigen, dass die G20-Länder und die von ihnen geführten multilateralen Entwicklungsbanken (MDBs) zwischen 2018 und 2020 mindestens 63 Milliarden US-Dollar pro Jahr für internationale staatliche Finanzierungen für Öl-, Gas- und Kohleprojekte bereitgestellt haben. Diese Finanzierung fossiler Brennstoffe war 2,5 mal so hoch wie ihre Unterstützung für erneuerbare Energien, die im Durchschnitt nur 26 Milliarden US-Dollar pro Jahr betrug (Tucker & DeAngelis, 2021).

Während die Industrieländer ihre Mittel in die Förderung fossiler Brennstoffe und in Kriege lenken, versäumen sie es, ihre 2009 in Kopenhagen kollektiv abgegebenen Zugeständnisse einzuhalten: bis 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar an Klimafinanzierung zur Unterstützung der Entwicklungsländer zu mobilisieren. Auf der letzten Vertragsstaatenkonferenz (COP26) in Glasgow hatten die Like-Minded Developing Countries (LMDC, dt. gleichgesinnte Entwicklungsländer) und die afrikanische Vertretung eine Vorlage vorgelegt, in der die Notwendigkeit einer Verpflichtung der Industrieländer zur gemeinsamen Mobilisierung von mindestens 1,3 Billionen US-Dollar pro Jahr bis 2030 auf der Grundlage der Prinzipien der Klimagerechtigkeit dargelegt wurde. Die Aufnahme dieses ehrgeizigen Finanzierungsziels wurde jedoch in späteren Entwürfen schnell wieder gestrichen – hauptsächlich von den Industrieländern (Schalatek, 2021b). Während desselben Klimagipfels blockierten die reichen Länder den Vorschlag zur Schaffung einer Glasgower Loss and Damage Finance Facility (dt. Schadensersatzfinanzierung). Mit dieser Finanzierung sollten Länder unterstützt werden, die dauerhafte und irreversible Verluste erlitten haben, z. B. Menschenleben, Lebensgrundlagen, Häuser und Land, sowie nichtwirtschaftliche Auswirkungen wie den Verlust von Kultur, Identität, Ökosystemfunktionen und biologischer Vielfalt (Heinrich-Böll-Stiftung, 2021).

Die obigen Ausführungen laden uns ein, über politische Prioritäten und Realitäten nachzudenken. Hier zeigt sich ein Ungleichgewicht zwischen dem, was von einem demokratischen, nach der Verteidigung von Menschenrechten strebenden System, erwartet wird und dem, was an Ort und Stelle tatsächlich passiert. Die weitere Ausbreitung von Krieg und Ressourcenausbeutung bedroht die uneingeschränkte Verwirklichung der Menschenrechte. Wie zur Zeit des Kolonialismus zwingt dies Communities dazu, verschiedene Strategien des Widerstands und der Anpassungsfähigkeit anzuwenden, um in einem Chaos zu überleben, das nicht von den lokalen Communities selbst herbeigeführt wurde (Alvarado, 2019). Die Verschwendung und Zerstörung wertvoller und unersetzlicher natürlicher Ressourcen führt zu sozialen Spannungen, die immer häufiger zu Konflikten führen (Alvarado, 2019; Cárdenas & Cortés, 2021). Dies schürt das Misstrauen der Menschen gegenüber ihren Regierungen und Institutionen. Dieses widersinnige, unverständliche Muster ist eine der Quellen von Angst und Unruhe.

Seit der COVID-19-Pandemie zeigt sich, wie schnell riesige Geldsummen mobilisiert werden können, wenn die entwickelten Länder den politischen Willen dazu haben (Schalatek, 2021). Es ist an der Zeit, dass diese Länder ihren politischen Willen auf das Wohl der Menschen und des Planeten ausrichten.

Geschlechtergerechte Klimaschutzmaßnahmen: ein dekolonialer und intersektionaler Ansatz zur Bekämpfung der Klimakrise

Der IPCC hat sich klar ausgedrückt: Der menschliche Einfluss auf den Klimawandel ist unbestreitbar. Erforderlich sind sofortige, schnelle, tiefgreifende und groß angelegte Treibhausgasreduzierungen, die einen gesellschaftlichen und systemischen Wandel beinhalten. Da die Gruppe der G20-Länder zwei Drittel der Weltbevölkerung repräsentiert und fast 90 % des globalen BIP und etwa 80 % der jährlichen THG-Emissionen der Welt erzeugt, ist ihre Rolle entscheidend für die Begrenzung der globalen Erwärmung auf unter 1,5 °C (G20 Engagement Groups, 2021; Tucker & DeAngelis, 2021). Wohlhabende und industrialisierte Länder mit hohen Emissionen haben einen historischen Beitrag zum Klimawandel zu verantworten. Dieser muss nach dem Prinzip der gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung (CBDR) angegangen werden, so wie es in der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) festgeschrieben ist (Lindvall, 2021).

Der nötige Wandel erfordert kollektives Handeln von der lokalen bis zur globalen Ebene, in dem Bewusstsein, dass nicht nur die geografische Lage, sondern auch Geschlecht, rassistische Zuschreibungen und Klasse die Ausmaße des Klimawandels bestimmen (Goreki, 2021). Diese Klimakrise ist keine gleichberechtigte Krise.

Ein dekolonialer, intersektionaler und feministischer Ansatz zur Bewältigung des Klimawandels ermöglicht es uns, Alternativen vorzuschlagen, die Aktivitäten auf eine Care-Ökonomie und nicht auf eine Kriegsökonomie ausrichten. Er bietet alternative Modell an, die anhand positiver Erfahrungen aus der ganzen Welt verdeutlicht werden. Diese entsprechen den lokalen und gemeinschaftlichen Bedürfnissen und rücken die Menschenrechte und die Gleichstellung der Geschlechter in den Mittelpunkt. Durch einen dekolonialen Ansatz können wir die Ursachen von Armut und Marginalisierung angehen, die zu Ausgrenzung und einer mehrschichtigen Verwundbarkeit führen (Nera-Lauron, 2021). Die intersektionale Perspektive wird als Prisma dafür verstanden, wie verschiedene Formen der Ungleichheit ineinandergreifen und sich gegenseitig verschärfen und lässt uns bessere Lösungen für ein gerechteres System für alle entwickeln.

Die Coalition of Women Leaders for the Environment and Sustainable Development (CFLEDD) mit Sitz in der Demokratischen Republik Kongo hat mit der Verabschiedung bahnbrechender neuer Land- und Waldgesetze in acht Provinzen des Landes einen Meilenstein gesetzt, was die Gewährleistung von Zugang zu Land für Frauen* angeht. Durch die Beteiligung von 480 geschulten Anwältinnen an partizipativen Kartierungen und Dialogen mit Stammeshäuptlingen, Gemeindemitgliedern und lokalen Behörden wurde eines der größten Hindernisse überwunden, um Frauen* in klimapolitischen Maßnahmen einzubinden. Dies unterstützte Bäuerinnen bei der Entwicklung von Agroforstaktivitäten und bei der Aufklärung illegaler industrieller Aktivitäten, um sie durch Waldschutzmaßnahmen ersetzen zu können. Es bewies außerdem, dass Bäuerinnen die Fähigkeiten besitzen, Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen umzusetzen und eine Neugestaltung des nationalen Klimafahrplans zu leiten (Women and Gender Constituency, 2020a).

Geschlechtergerechtigkeit ist Klimagerechtigkeit Bildnachweis: Annabelle Avril / WECF

Echte Lösungen und Antworten auf die Klimakrise existieren bereits an der Basis. Frauen* in ihrer ganzen Vielfalt haben bereits Anpassungs- und Bekämpfungsstrategien bezüglich der Klimakrise entwickelt, die den spezifischen Bedürfnissen ihrer Communities entsprechen. Sie haben die Nutzung von traditionellem Wissen voran gebracht, um die Landwirtschaft resilient zu machen, Wasserquellen zu schützen, nachhaltig Energie zu erzeugen und die Wirtschaft zu diversifizieren. Dies hat den Zugang zu und die Kontrolle über Ressourcen, eine menschenwürdige Beschäftigung und die gleichberechtigte Beteiligung von Männern* und Frauen* an Entscheidungsprozessen verbessert (Women and Gender Constituency, 2020b). Geschlechtergerechte Klimalösungen sind Bottom-up-Initiativen, die dezentralisiert, sicher, kontextbezogen, erschwinglich, nachhaltig und reproduzierbar sind. Sie fördern den gleichberechtigten Zugang zu Gewinnen, benachteiligen Frauen* nicht, bringen vielseitigen Vorteile mit sich und stellen die lokale Entscheidungsfindung und die Rolle der Frauen* in ihren Mittelpunkt (WEDO, 2016).

Indem die G20-Länder und andere Staaten solche Initiativen in ihrer nationalen Planung unterstützen, finanzieren, fördern und stärken und eine integrativere, gerechtere, widerstandsfähigere und nachhaltigere Gesellschaft aufbauen, haben sie die Möglichkeit der Klimakrise entgegen zu wirken und dabei eine Vorreiterrolle einzunehmen (G20-Engagementgruppen, 2021). Um geschlechtergerechte Klimalösungen in größerem Maßstab zu verwirklichen, müssen wir über konkrete Maßnahmen sprechen.

Die national festgelegten Beiträge müssen sicherstellen, dass die wirtschaftspolitischen post-COVID-Maßnahmen gerecht und klimaverträglich sind und das Wohlergehen aller Menschen fördern. Und um solche nationalen Pläne zu verwirklichen, ist eine verstärkte und ausgewogene Klimafinanzierung für die Anpassung an und den Kampf gegen die Klimakrise entscheidend. Die COVID-19-Pandemie hat die wachsende Verschuldung – insbesondere in den Entwicklungsländern – verschärft. Die öffentliche Klimafinanzierung wird derzeit hauptsächlich in Form von Krediten und nicht in Form von Zuschüssen bereitgestellt, was zu einer ungerechten Belastung der Länder führt, die am wenigsten zur globalen Erwärmung beigetragen haben aber den größten Schaden davon tragen (Schalatek, 2021). Um hier Abhilfe zu schaffen, sollten die G20-Länder, insbesondere die einkommensstarken Mitglieder, garantieren, dass sie rasche und global gerechte Klimaschutzmaßnahmen nicht behindern. Das bedeutet einen Schuldenerlass zu gewährleisten, einschließlich rechtzeitiger, transparenter und umfassender Mechanismen und Methoden, die einen gerechten Zugang zu Geldern für lokale, emissionsarme Entwicklungspfade für Länder des Globalen Südens sicherstellen (Tucker & DeAngelis, 2021).

Keine falschen Lösungen mehr, wir brauchen jetzt echte Netto Null! Bildnachweis: Annabelle Avril / WECF

Narrative, die für Scheinlösungen werben, wie z. B. die Behauptung der Industrieländer, sie könnten den Netto-Nullpunkt erreichen, indem sie ihre Emissionen durch fragwürdige Projekte im Globalen Süden ausgleichen, ohne ihre Emissionen und umweltverschmutzenden Sektoren im eigenen Land zu reduzieren, stellen eine Bedrohung dar, die der Fortführung kolonialer und extraktivistischer Modelle Vorschub leistet (ActionAid et al., 2020). Unerprobte Problemlösungen, riskante Technologien und Kompensationsmechanismen wurden als Fassade gefördert, um sich der Verantwortung zu entziehen und Untätigkeit oder schädliche Handlungen bezüglich des Klimawandels zu verschleiern, anstatt echte Nullverpflichtungen anzustreben (ActionAid et al., 2020; Women and Gender Constituency, 2021). Im Mittelpunkt des Gesprächs sollten daher ganzheitliche Modelle stehen, die bereits jetzt bereichsübergreifende Erfolge aufweisen, sowie die längst überfällige Umgestaltung unserer ausbeuterischen und zerstörerischen Wirtschaftssysteme (Schneider & Santos, 2021). Insbesondere sollten jene Praktiken zentral sein, die Ökosysteme und biologische Vielfalt schützen und die Rechte, das Leben und die Lebensgrundlagen lokaler Gemeinschaften sichern.

Ein Aufruf, unser Vertrauen zu erneuern

Dies ist ein Aufruf, das Vertrauen in Regierungen und Institutionen wiederherzustellen, indem deutlich gemacht wird, dass staatliche Prioritäten mit dem Wohlergehen der Gemeinschaften, denen sie dienen, übereinstimmen. Es ist ein Aufruf, die Trümmer der Demokratie und des Multilateralismus zu beseitigen, um einen neuen Weg zu ebnen, der auf solidarischen Maßnahmen beruht und die gemeinsame, wenn auch differenzierte Verantwortung für diese Klimakrise anerkennt. Es ist an der Zeit, mutig zu sein. Wir müssen eine Gesellschaft aufbauen, die sich nicht scheut, korrupte Systeme und Konzepte, die in Kolonialismus und Patriarchat wurzeln, in Frage zu stellen.

Durch die Wiederherstellung des Vertrauens werden vermeintliche Grenzen überwunden. Durch sie wird der Weg für eine Zusammenarbeit geebnet, die es ermöglicht, Herausforderungen wie den Klimawandel und die COVID-19-Pandemie Hand in Hand zu bekämpfen sowie ein gesamtgesellschaftliches Wohlergehen erreicht. Sie wird eine Realität ermöglichen, in der die Säulen der Entwicklung auf den Grundsätzen des Vertrauens, der Solidarität und der Würde beruhen. Eine Realität, in der der ständige Kampf der Egos nicht die Ursache für kriegerische Auseinandersetzungen, die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen und das Ende der Träume künftiger Generationen ist.

Es ist an der Zeit, über Grenzen hinweg zusammenzukommen und für Generationen-, Geschlechter- und Klimagerechtigkeit einzutreten.

Es ist an der Zeit, unsere Denkweise zu dekolonisieren, Verantwortung für unsere Geschichte zu übernehmen und solidarisch zu handeln.

Jetzt!

 

 

Der Originalartikel wurde in der achten Ausgabe des Global Solutions Journal veröffentlicht.

Quellen

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