Das Eisbergproblem – Was Sorgearbeit mit der Klimakrise zu tun hat

von Paula Friedrichsen

Sorgearbeit – diesen Begriff habe ich das erste Mal auf einem Klimacamp im Rheinland gehört, trotz VWL-Studium nicht etwa an der Uni. Laut Bundeszentrale für politische Bildung umfasst Sorge- bzw. Care-Arbeit alle Tätigkeiten des Sorgens und Sich-Kümmerns. Unterschieden wird dabei zwischen bezahlter und unbezahlter Sorgearbeit. 

Ersteres meint Tätigkeiten im Gesundheits-, Pflege-, Erziehungssektor, die finanziell entlohnt werden und damit einen ökonomischen, wenn auch meist geringen, Wert besitzen. Letzteres beinhaltet unter anderem die Pflege von Angehörigen, Haushalts- und ehrenamtliche Tätigkeiten sowie familiäre, emotionale und freundschaftliche Unterstützung, ist finanziell nicht entlohnt und wird dementsprechend selten als produktive Arbeit wahrgenommen.

Sorgearbeit als Fundament

In unserer kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung wird Sorgearbeit typischerweise als „unproduktive Nicht-Arbeit“ bewertet und steht somit im Gegensatz zu produktiver Arbeit bzw. Lohnarbeit, die einen monetären, ökonomisch unmittelbaren Wert erwirtschaftet. Dabei wird jedoch ausgeblendet, dass Sorgearbeit das Fundament unserer Gesellschaft und Wirtschaft ist: Ob als Freundin, Schwester, Tochter oder als Kollegin und Kommilitonin weiß ich, dass jeder Mensch je nach Lebensphase auf Fürsorge und Pflege angewiesen ist. Durch die Kapitalismus-Brille heißt das allerdings, dass obwohl Erwerbsarbeit nur mithilfe von Sorgearbeit möglich ist, der Sorgearbeit, ein untergeordneter Status zugewiesen wird. Das äußert sich in erhöhtem Mental Load, weniger verfügbarer Zeit und damit beschränktem Zugang zu gut bezahlter Arbeit. Abgesehen davon ist die Sorgearbeit das Fundament dafür, dass wir überhaupt leben können, denn eine Welt ohne Fürsorge und Pflege funktioniert nicht.

Ist Sorgearbeit Gendersache? 

Neben dieser außerordentlich wichtigen Rolle der Sorgearbeit in unserer Gesellschaft fällt außerdem auf: It’s a woman’s job. So sind laut Statista einerseits in Erziehungs-, Gesundheits-, Reinigungs- und Pflegeberufen jeweils über 74% weiblich besetzt, andererseits wenden laut dem Gender Care Gap des BMFSFJ Frauen durchschnittlich täglich 52.4% (entsprechend 87 Minuten) mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf als Männer. Die allgemeine Definition von Sorgearbeit lässt auch die Schlussfolgerung zu, dass unter ‘Sich Kümmern’ nicht nur das Sorgen um Mitmenschen, sondern auch das Sorgen um die Natur fällt. Demnach ist auch Klimaschutz Sorgearbeit.

Die Verknüpfung von Sorgearbeit und Klimaschutz wird beispielsweise durch den Kampf gegen die Rodung des Bugoma Waldes in Uganda deutlich. Dieser Wald ist eine wichtige Lebensgrundlage für die Frauen der Region, die ihn für medizinische Zwecke, Feuerholz und Landwirtschaft nutzen und somit traditionelle Tätigkeiten des Sorgens übernehmen. Der aktuellen Bedrohung des Waldes stehen vorrangig Frauen entgegen und setzen sich mit ihrem Aktivismus gegen die Rodung ein. Auch in der internationalen Klima- und Umweltschutzbewegung lässt sich eine Tendenz abzeichnen: starke weibliche Vorbilder wie Greta Thunberg, Vanessa Nakate, Luisa Neubauer u.a. stehen als junge Frauen im Fokus der Klimagerechtigkeitsbewegung.

 

🌎 Doch was hat das alles mit der Klimakrise zu tun? 🌎

Der Eisberg 

Der Zusammenhang von Sorgearbeit und der Klimakrise wird durch das Eisberg-Modell ersichtlich. Bekanntlich ragt bei einem Eisberg nur ein kleiner Teil über die Oberfläche heraus, etwa 90% befinden sich für uns unsichtbar unter Wasser. Dadurch zeigt das Modell das kapitalistische Verständnis von ‘der Wirtschaft’: der Teil der Wirtschaft, der Produkte und Dienstleistungen durch Bepreisung marktwirtschaftlich erfasst und den wir wahrnehmen, ist nur die sichtbare Spitze des Eisberges. Alle anderen Tätigkeiten, die die Erwerbsarbeit ermöglichen, stellen den unteren größeren Teil des Eisberges dar und sind unsichtbar. Darunter fallen vor allem unbezahlte Sorge- und Pflegetätigkeiten, ohne die die geldbasierte Wirtschaft überhaupt nicht möglich wäre.

Unbezahlte Sorgearbeit ist also das Fundament unserer Wirtschaft. Fragt sich nur, warum mehrheitlich Frauen* diese Arbeit verrichten. Laut Andrea Vetter, Mitarbeiterin des Konzeptwerk Neue Ökonomie und Redakteurin für die Zeitschrift oya, wird dieses Geschlechterungleichgewicht durch binäre Zuschreibungen gerechtfertigt, die Frauen* und Männer* in bestimmte Geschlechterrollen und resultierendes Verhalten und Handeln drängen, wodurch Machtverhältnisse gefestigt werden. Diese Machtverhältnisse sind patriarchale Machtverhältnisse. Andrea Vetter schreibt dazu: ”Gerechtfertigt wird diese Ausbeutung durch binäre Zuschreibungen, deren Grundlage eben der vermeintliche Gegensatz zwischen der ’wertvollen’ Spitze des Eisbergs, und dem ’wertlosen’ Rest ist. Oben stehen ’produktive’ Tätigkeiten, Lohnarbeit, Zentrum, globaler Norden, Öffentlichkeit, Zivilisation und ’Männlichkeit’ – unten die Subsistenzarbeit, Kolonien, globaler Süden, Privatheit, Natur und ’Weiblichkeit’”. Dieses geschlechterspezifische Verständnis von Wert bzw. Produktivität erklärt auch, warum der untere Teil des Eisberges einfach kostenlos einverleibt bzw. angeeignet wird.

Der Eisberg ist schief  🧊🏔️ = 🆘

Die ungleiche Verteilung von Sorgelast auf Frauen* stellt also eine gesellschaftliche Gerechtigkeits-Schieflage dar, die in einem Missverhältnis im Zugang zu Arbeit, Zeit, Geld und Mental Load resultiert. Gleichzeitig ist auch die Klimakrise eine Gerechtigkeits-Schieflage zwischen den Generationen und dem Globalen Süden und Norden. Beide Krisen stehen durch die ihnen zugrunde liegenden kapitalistischen Strukturen der Weltwirtschaftsordnung in Zusammenhang.

Was tun? 

Kapitalismus beutet also nicht nur natürliche Ressourcen aus, bedingt und befeuert die Klimakrise, sondern (re-)produziert auch Geschlechterungleichheiten und setzt einzig und allein ökonomisch messbare Einheiten in Wert, wodurch unbezahlte Sorgearbeit als ‘unproduktive Nicht-Arbeit von Hausfrauen’ abgewertet wird. So beschreibt es die Hauswissenschaftlerin Angela Häusler. Folglich werden Frauen* durch den erhöhten Mental Load, weniger Zeit und dadurch beschränktem Zugang zu Arbeit und Einkommen sozial und ökonomisch schlechter gestellt.

Diesem Mechanismus muss durch einen Wertewandel entgegengewirkt werden, der die Sorgearbeit ins Zentrum stellt und bei dem sich nicht nur vorrangig weiblich sozialisierte Menschen, sondern alle Geschlechter sowohl auf institutioneller, politischer und öffentlicher als auch privater Ebene für die Pflege und Fürsorge ihrer Mitmenschen und ihrer Umwelt verantwortlich fühlen. Dies würde durch eine ökofeministische Politik erreicht werden, wonach der Schwerpunkt nicht auf Profit und Wachstum, sondern auf Solidarität und Nachhaltigkeit liegt. Im Hinblick auf den Zusammenhang von Geschlechtergerechtigkeit und Klimaschutz auf politischer Ebene zeigte eine Untersuchung von Erdgas und York von mehr als hundert Ländern , dass die CO2 Emissionen dort niedriger sind, wo Frauen vermehrt Einfluss auf politische Entscheidungsprozesse haben.

Mehr Caring ist radikal ✊🏽✊🏼✊🏾

Das Potenzial in einem Wertewandel – weg von Erwerbsarbeit-zentriertem Denken hinzu solidarischer Aufteilung von lebensnotwendigen Tätigkeiten – liegt also darin, dass mehr Menschen sich einerseits um ihre Mitmenschen kümmern und andererseits Klima- und Umweltschutz betreiben. In solch einer Welt würden wir alle mehr Zeit und Aufwand in Sorgearbeit fließen lassen. Als Resultat dieser Ressourcenaufteilung stehen uns folglich weniger Zeit und Ressourcen für Erwerbsarbeit zur Verfügung, was im starken Gegensatz zu dem vorherrschenden Dogma der Profitmaximierung und des Wirtschaftswachstums steht. Daher ist ein ökofeministischer Ansatz im Umgang mit Sorgearbeit zwangsläufig antikapitalistisch und klimagerecht.

Das mag vielleicht radikal klingen, doch in meinen Augen und im Hinblick auf die Dringlichkeit der Klimakrise macht es durchaus Sinn bei diesem Thema radikal zu denken. Denn ‘radikal’ kommt vom lateinischen radix=Wurzel, Ursprung und meint in diesem Sinne nichts weniger, als das Problem des Eisbergs an der Wurzel zu packen. Vielleicht sollten wir uns deshalb alle fragen, wenn Sorgearbeit so wichtig ist, warum behandeln wir sie dann nicht auch so und verwenden als gesamte Gesellschaft mehr Zeit und Aufwand für diese Tätigkeiten? Ich stelle mir das eigentlich ganz schön vor.

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Literatur

Andrea Vetter, 2019, https://konzeptwerk-neue-oekonomie.org/themen/arbeit/warum-care-und-degrowth-zusammen-gehoeren/, Aufgerufen am 24.08.2020

Angela Häusler, 2020, https://equalcareday.de/equal-care-for-future/, Aufgerufen am 24.08.2020

Arte, 2019, https://www.arte.tv/de/videos/RC-018438/8-oekofeminismus/, Aufgerufen am 24.08.2020

Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2019, https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/themen/gleichstellung/gender-care-gap/indikator-fuer-die-gleichstellung/gender-care-gap—ein-indikator-fuer-die-gleichstellung/137294, Aufgerufen am 24.08.2020

Bundeszentrale für politische Bildung, 2020, https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/care-arbeit/, Aufgerufen am 24.08.2020

Enorm, 2019, https://enorm-magazin.de/gesellschaft/gleichstellung/feminismus/feminismus-und-klimawandel-keine-klimakrise-ohne-geschlecht, Aufgerufen am 24.08.2020

Erdgas & York, 2012, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0049089X12000609, Aufgerufen am 24.08.2020

Mongabay, 2019, https://news.mongabay.com/2019/10/ugandas-eco-feminists-are-taking-on-mining-and-plantation-industries/, Aufgerufen am 24.08.2020

Statista, 2020, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/167555/umfrage/frauenanteil-in-verschiedenen-berufsgruppen-in-deutschland/, Aufgerufen am 24.08.2020