Brückenschlag Ökofeminismus: Stimmen aus Lateinamerika

von Andreia Rosenir da Silva, aus dem Englischen von Julika Zimmermann

In diesem neuen Jahrhundert beobachten wir eine Abkehr von den alten, ausdrücklich kritischen Vorstellungen von Ökofeminismus, die wir vor allem mit dem Etikett „essentialistisch“ versehen können. Der Ökofeminismus des 21. Jahrhunderts ist intersektional. Er will Frauen* aller Klassen sowie nicht-menschliche Naturbeziehungen mit einbeziehen. Es sind diese Verbindungen, die verschiedene Bewegungen zusammenbringen, die deren Kämpfe ertragbar machen und die Lösungen für die bestehenden Umweltprobleme hervorbringen. Diese Verbindungen beinhalten auch die obligatorische Forderung nach Rechenschaftspflicht an lokale Regierungen und internationale Institutionen.

 

 

In Lateinamerika hat sich die Bewegung der Gender-Natur-Intersektionalität, die von indigenen Gruppen und verschiedenen Frauen* auf dem ganzen Kontinent angeführt wird, seit den 2000er Jahren vervielfacht. Mehrere Arbeiten, sowohl akademische als auch zivilgesellschaftliche, basieren nicht nur auf einer feministischen Perspektive sondern greifen auch Fragen zu Geschlecht und Rassismus, Ökologie, Kolonialismus, Körper-Territorien, Bergbau und Wasser auf.

Diese Vielschichtigkeit des Ökofeminismus macht uns darauf aufmerksam, wie wichtig es ist, dem populären Feminismus in ganz Lateinamerika eine Stimme zu geben – und zwar in der Form eines neuen Ansatzes, der sich darauf konzentriert, die Kämpfe von Frauen* gegen neo-extraktivistische Politik sichtbar zu machen. Der populäre Feminismus eröffnet einen Raum, um die Themen „Land, Territorium, Körper und Repräsentation sowie die Verbindung zwischen Feminismus und Situiertheit“ zu diskutieren, wie Svampa schreibt. Die Hauptwurzel dieses verflochtenen Feminismus ist die Wichtigkeit, Frauen* in all ihrer Diversität zu ermächtigen und starke Beziehungen zu schaffen, die auf Solidarität und kollektivem Selbstmanagement basieren.

Beispiele für diesen neuen Ökofeminismus sind die Frauen*bewegungen in Argentinien, wie die „las Madres del Barrio Ituzaingó“, die die Auswirkungen von Glyphosat auf die Gesundheit anprangerten, die „Assembly of Chilecito und Famatina“, die gegen Bergbaukonzerne kämpften und die „Mapuche-Frauen“, die Proteste gegen Fracking anführten. In Chile und Kolumbien sind es „las Mujeres de Zonas de Sacrificio“, die den Widerstand gegen Quintero-Puchuncaví, bzw. gegen die Ausweitung der Ölgrenze, voranbrachten.

In Bolivien und in Guatemala erobern die Frauen* in ihren Gemeinschaften ihre angestammten Praktiken zurück. Im so genannten Community-Feminismus verteidigen sie ihre Räume, ihr Land, ihre Territorien als Teil ihrer eigenen Körper, da beides miteinander verbunden ist und sie Boden und das Land als eine Selbsterweiterung ihrer selbst begreifen, die nicht abgetrennt werden kann. Kreativität, Rebellion und Transgression untermauern ihre Vorstellung von antipatriarchaler Gemeinschaft.

Denn eine grundlegende Idee, die dem lateinamerikanischen Ökofeminismus Impulse gibt, ist das Konzept des Ökoterritoriums. Dieses setzt Umweltgerechtigkeit voraus und beruht auf dem Konzept des Buen Vivir und auf der Idee, Naturgüter als Gemeingüter zu begreifen. Letztendlich ist der Ökofeminismus „del sur“ vor allem anti-neo-extraktivistisch und anti-neo-kolonialistisch. ¡Aplastar el patriarcado!

#ReclaimÖkofeminismus

 

Literatur

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Svampa, Maristella (2018). Conferencia LNF: Ecofeminismos y feminismos populares. Canal Encuentro. https://youtu.be/TveVMH3Y4YI

Svampa, Maristella (2019). Las fronteras del neoextractivismo en América Latina: conflictos socioambientales, giro ecoterritorial y nuevas dependencias. Calas.

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