Ampelkoalition als Chance – Hört die Stimmen derer, die die Folgen tragen müssen

ein Gastartikel von Alisha Qamar

Bei Rot musst du stehen, bei Grün darfst du gehen – so oder in so etwa schauen die aktuellen Koalitionsverhandlungen aus. Eine Ampel Koalition zwischen SPD, FDP und den Grünen soll dafür sorgen, dass Deutschland fortschrittlicher wird und vor allem in Sachen Klimaschutz aufholt. Doch die Parteien erscheinen mir in einigen Punkten enorm gegensätzlich, besonders wenn es um den Klimaschutz geht. Alle Parteien sind sich einig, dass mehr getan werden muss, um den Folgen  der Klimakrise stand halten zu können, jedoch sind ihre Ansätze sehr verschieden. 

 

 

Klimaneutralität wollen alle erreichen, aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten – die SPD bis 2045, die Grünen bis 2041 und die FDP sogar erst 2050. Und während die FDP auf Innovationen setzt und sich stark für umwelt- und klimafreundliche Motoren sowie alternative Kraftstoffe macht, fordern die Grünen, dass es von Seiten des Staats klare Regulierungen geben muss. Ginge es nach den Grünen sollen ab 2030 keine Autos mehr zugelassen werden, die mit einem Verbrennungsmotor laufen. Die FDP allerdings spricht sich gegen ein Verbot von Verbrennungsmotoren aus. Auch das Thema Tempolimit ist ein Knackpunkt. Denn im Gegensatz zur FDP fordern SPD und Grüne eine geregelte Geschwindigkeitsbegrenzung.  

Wo bleibt der Mensch in der Debatte? 

Das sind viele Gegensätze und Streitpunkte. Aber bei meinen Recherchen fällt mir auf, dass die Parteien eine klare Gemeinsamkeit haben : Der Mensch steht selten im Vordergrund.  

In der Debatte um den Klimaschutz wird viel über Umwelt und Natur gesprochen. Die betroffenen Menschen werden oft vergessen. Ich erinnere mich an meine Grundschulzeit. Als wir über Klimawandel sprachen, ging es um Eisbären und darum, das Licht so selten wie möglich anzumachen. Die Menschen standen  selten im Vordergrund. Und fast 10 Jahre später suche ich in den Plänen einer angehenden deutschen Regierung vergebens nach konkreter Unterstützung für  Betroffene, die im Fortschreiten der Klimakrise zunehmend vulnerabler werden. Diese Betroffenen sind besonders Frauen*. Noch spezifischer: Womxn of Color und Schwarze Frauen*.  

Frauen* der Klimakrise

Global betrachtet sind es klar Frauen* , die die Folgen der Klimakrise am meisten spüren. Studien zeigen, dass bei Naturkatastrophen häufiger Frauen* als Männer* sterben. Weil oftmals ist die Frau* mit Kindern zuhause und kümmert sich um die Familie, während Männer* in Städten oder Ortszentren arbeiten, die eine viel bessere Infrastruktur haben als Vororte oder Dörfer. Tritt nun eine Katastrophe ein, sind Menschen Zuhause nicht nur schlechter geschützt, sondern die Frauen*  versuchen neben sich selbst auch ihre Kinder und Familie zu retten. Im Globalen Süden sind es außerdem häufig Frauen*, die lange und gefährliche Wege hinter sich legen müssen, um ihre Familie mit Nahrung und Wasser zu versorgen. Leider kommt es auf den Routen häufig zu Übergriffen sowie physischer Verausgabung. Die Wege sind so lang und nicht mit angemessenen Sicherheitsmaßnahmen ausgestattet, sodass Folgen des Klimawandel, sei es Dürre oder starke Hitze, diese Frauen* noch stärker treffen wird.   

Ein weiterer Aspekt, der in der Debatte um Klimaschutz meiner Meinung nach kaum besprochen wird, ist der finanzielle Aspekt in sozialen Ungleichheiten. Weltweit sind Frauen* eher von extremer Armut, ihren Ursachen und Folgen betroffen, als Männer*. Auch in Deutschland sieht die Situation ähnlich aus. Einkommensschwache Haushalte werden häufig von Frauen* geführt, die alleinerziehend und daher in bestimmten gesellschaftlichen Situationen vulnerabler sind als nicht alleinerziehende. Gehört diese Frau* zusätzlich einer marginalisierten Gruppe an, erfährt sie häufig Konfrontationen mit gesellschaftlichen Hindernissen, wie beispielsweise Schwierigkeiten bei der Job- und Wohnungssuche. Teilweise gehen klimaschonende Maßnahmen mit erhöhten Preisen für Verbraucher*innen einher. Aber wie soll eine Frau*, die in prekären Verhältnissen lebt und (schlecht) bezahlte sowie unbezahlte Care Arbeit leistet, diese tragen können?

Klimagerechtigkeit heißt soziale Gerechtigkeit 

Es geht um so viel mehr als Verbrennungsmotoren und Tempolimit. Klimawandel und Feminismus werden häufig getrennt und nicht in direktem Zusammenhang gesehen, doch diese Themen sind miteinander verwurzelt. Ich frage mich: wer steht für diese Frauen* ein? Für die Frauen*, die in Parlamenten kaum vertreten sind und die neben den zahlreichen weißen politischen Akteur*innen als ungewöhnliche Ausnahme gelten.  

Die aktuellen Koalitionsverhandlungen müssen als Chance gesehen werden. Eine Chance, um sich zum einen für die Menschen stark zu machen, die die Folgen des Klimawandels am meisten spüren und zum anderen, denen, die am meisten betroffen sind und sein werden, einen Platz am Regierungstisch zu geben. Der Klimawandel und seine Folgen werden nicht erfolgreich zu bekämpfen sein, wenn dieser Kampf aus einer vorrangig weißen Perspektive gedacht und angegangen wird. Wir müssen die Perspektive, Sorgen und Stimmen derer, die am stärksten betroffen sind, mit einbeziehen. Wir müssen die Perspektive, Sorgen und Stimmen von Womxn of Color mit einbeziehen.

 

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